11/10/2025
Straight outa Calvusberg – Tijan Silas „Krach“ ist Punkrock fürs Bücherregal
Letztes Jahr erhielt Tijan Sila den Ingeborg-Bachmann Preis. Sein Roman „Krach“ von 2021 wurde – anders als die beiden Vorgänger – nicht ausgezeichnet. Soweit ich weiß. Ich schlage vor, Sila den noch zu etablierenden Wally-Waldorf Preis zu verleihen – benannt nach dem Sänger von Toxoplasma. „Ordinäre Liebe“, ein Song vom Debüt der Deutschpunklegenden aus Rheinland-Pfalz findet namentlich Erwähnung im Roman. Der Blick schweift in die Vergangenheit und endlich fühlt es sich einmal cool an, ein alter Sack zu sein: Die Welt, in die uns Tijan Sila versetzt fühlt sich vertraut an. Egal, ob man sie in der Pfalz oder im Schwabenland erlebt hat. Besetzte Häuser, Juzes, Wohlstands- und Sifferpunks, Fascho-Kneipen… Vertrautes Terrain, auch wenn es bei mir eher 1989 war und sich der junge Bosnier Sabahudin Hadžijalijagić, genannt „Gansi“ in „Krach“ durchs Jahr 1998 bewegt.
Gansi ist Punkrocker und Gitarrist der Band Pur Jus. Der Abiturient verachtet hippe Gleichaltrige, die Tocotronic hören und linke Studenten, die auf Konzerten achtsames Pogen einfordern. „Violent däncing“ sei „Ausdruck androzentrischer Körperpolitik“, erklärt einer von Ihnen. Für Gansi uns seine Mitmusiker eine Lachnummer. In Zeiten, in denen Punkmusiker aufgefordert werden, ihre T-Shirts anzubehalten und der Awareness-Beauftragte neben der Bühne steht, ist das gleich doppelt amüsant. Zumal Sila ein Meister so schnoddriger wie ideenreicher Formulierungen ist. Die gehässigen Kosenamen, die Gansi seinen kleinen Schwestern gibt, geben beispielsweise immer wieder Anlass zum Grinsen.
Dabei erschöpft sich „Krach“ nicht in Pointen. Auch nicht in Szene-Nostalgie. Die Anekdoten aus dem Alltag der Kleinstadtpunks sind durchzogen von Themen wie Identitätssuche, Heimat, Ausländerfeindlichkeit oder Wiedervereinigung. Es geht um Lebensentwürfe, Männlichkeitskonzepte, den rechtslastigen Osten Deutschlands – nur drängen sich diese Dinge nie in den Vordergrund. Auf den Punkt. Schnell. Rau. „Krach“ liest sich wie Punkrock. Was alles am Rande miterzählt wird, offenbart sich erst, wenn die Lektüre beendet ist. Wenn es still wird. Dann geht einem auch plötzlich auf, dass die Authentizität des Romans künstlerisch geformt wurde. Ja, es wirkt alles natürlich. Aber wirft man einen näheren Blick darauf, wie Gansi und seine Kollegen sprechen, zweigt sich, dass es sich um eine gewitzt erfundene Kunstsprache handelt. Literarisches, Slang, Dialekt: Wir lesen es, als sei es 1998 mitgeschnitten worden.
Dass Tijan Sila selbst gebürtiger Bosnier ist und in Punkbands spielte, bzw. spielt, ist ein weiterer Fall von Schein-Authentizität. In einem Interview hat er verraten, dass er mehr seiner eigenen Persönlichkeit in Bandleaderin Ursel sieht, als in Gansi. Wer zu rasch denkt, er habe alles durchschaut, weil sich „Krach“ so flott wegliest, der ist auf dem Holzweg. Und schnell gelesen sind die 270 Seiten. Weil dieses Buch nicht weggelegt werden möchte. Ein Punkalbum pausiert erst, wenn eine Seite zuende ist und man die Platte umdreht. Die Lektüre von „Krach“ entfaltet ihre Wirkung am besten, wenn man sich hineinziehen lässt, mitwippt, mitlebt.
Zum Glück ohne eine der zahlreichen Blessuren mitzunehmen, die sich Silas Figuren bei Schlägereien zuziehen. Zartbesaiteten dürfte das eine oder andere wehtun. Literarisch glückt auch die Darstellung von Gewalt – durch eine Brechung, durch slapstickhafte Untertöne.
Klare Leseempfehlung!
CK
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