Haus des Buches

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Vielfältig und vom Klassiker bis zum Geheimtipp dem gedruckten Wort verbunden.

21/02/2026
Feministischer Grusel genial übersetzt: Suhrkamp hat Angela Carters „Die blutige Kammer“ neu aufgelegt Angela Carter (19...
21/01/2026

Feministischer Grusel genial übersetzt: Suhrkamp hat Angela Carters „Die blutige Kammer“ neu aufgelegt

Angela Carter (1940-1992) verstand sich als kämpferische Feministin. Wer ihren 1979 erstmals erschienenen Erzählband „Die blutige Kammer“ (erschienen bei Suhrkamp) liest, kann nicht umhin, das auch aus den Texten herauszulesen. Gleichzeitig wird greifbar, warum die Schöpferin dieser feministischen Schauergeschichten von feministischer Seite angegriffen wurde. Carters Auseinandersetzung mit de Sade etwa wurde von der Anti-Pornographie-Aktivistin Andrea Dworkin scharf kritisiert.

S*xualität und Macht bilden einen roten Faden in den hier versammelten Geschichten, in denen „Blaubart“, „Die Schöne und das Biest“ oder „Rotkäppchen“ zu unheimlichen Märchenwiedergängern werden. Die Rolle der weiblichen Gestalten ist dabei radikal neu erzählt. Immer wieder regelt weibliche Lust, wo die gängigen Fassungen Verführer oder böse Wölfe aufbieten, um die Unschuld aber auch Wehrlosigkeit der Frau zu betonen. Es ist heterosexuelle Lust. Auch damit machte sich Carter in feministischen Kreisen nicht nur Freundinnen. Während einige Frauen sie als Befreierin feierten, klebten andere "S*xismus"-Sticker auf "Die blutige Kammer".

Carter ist gerne drastisch in ihren Schilderungen. Sie ist aber auch eine adjektivversessene Poetin, die den Sinnesrausch durch Sprachrausch begleitet. Was für ein Glücksfall, dass Maren Kames („Hasenprosa“, Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024) die Neuübersetzung besorgt hat. Eine Autorin, die von Beschreibungen in Passagen zu verfallen vermag, in denen die Sprache selbst zu bestimmen scheint, wo sie hin will – und das, ohne die Bindung zum Leser zu verlieren. Ihre Carter-Übertragung strotzt vor sprachlicher Schönheit. Wer in den Wald des Erlkönigs eintritt wird von Lichtspielen, Vogelstimmen und olfaktorischen Erinnerungen förmlich verschlungen. Zerfall und Moder. Leichengeruch und Kaminfeuer, Blut und S*x, steigen einem förmlich in die Nase. Maren Kames gelingt zudem ein Ton, der die ironische Seite Carters einfängt. Die Leichtigkeit der frivolen Variante des gestiefelten Katers ist so drollig katzig und herrlich hinterfotzig geraten, dass man vor Vergnügen schnurren möchte.

Manch feministische Literatur zeigt deutliche Spuren ihrer Entstehungszeit. Ohne Christa Wolfs „Kassandra“ geringschätzig aburteilen zu wollen: In der wurzelverhangene Höhle, in der sich ihre emanzipierten Frauen dieses Romans treffen, zeigt an den Wänden die Fingerabdrücke der frühen 80er-Jahre. Wenn Angela Carter schildert, wie eine verwilderte Junge Frau die Menstruation entdeckt, so wirkt das zeitlos. Auch dies ein Grund, sich über diese Neuauflage „The Bloody Chamber“ zu freuen. Sie ist eine Einladung, eine unbeugsame Autorin wiederzuentdecken, die das Feinsinnige ebenso beherrscht wie das Vulgäre.

Ein Faible für Schauerliteratur, für Vampire, Werwölfe, das Makabre, Verschrobene aber auch Burlesk-Karnevaleske vorausgesetzt, bietet „Die blutige Kammer“ sprachlich exquisites Lesevergnügen aus der Feder jener Frau, die Salman Rushdie anlässlich ihres frühen Krebstodes als „wohlwollende Hexenkönigin“ ehrte. Antiromantisch, aber seltsam schön. Antipatriarchal, aber ohne das Spiel der Geschlechter mit Fackeln und Mistgabeln auszutreiben. Ach ja: Neil Jordans sehenswerter Film „Die Zeit der Wölfe“ von 1984 basiert übrigens auf den hier enthaltenen Carter-Erzählungen „Der Werwolf“ und „Die Gesellschaft der Wölfe“.

CK

Das Sterben ist ein vielgestales Spiel:  „Das Schweigen der Schimpansen“ von Susana Monsó geht der Frage nach, wie weit ...
23/10/2025

Das Sterben ist ein vielgestales Spiel: „Das Schweigen der Schimpansen“ von Susana Monsó geht der Frage nach, wie weit Tiere die Regeln vestehen

Was passiert, wenn man sich mit Ölsäure einreibt und sich in einen Ameisenhaufen legt? Keine Ahnung. Ameisen können das hundertfache ihres Körpergewichts stemmen. Nun wiegt eine einzelne Ameise – je nach Art – zwischen 4 und 12 Milligramm. Einen massigen Menschen rauszuschmeißen dürfte den Türstehern im Bau also schwer fallen. Tunken wir einen quicklebendigen Ameisling in Ölsäure und stopfen ihn in den Haufen, wird er hingegen unweigerlich abtransportiert werden. Ameisenleichen riechen nach Ölsäure. Das ist für die Mitbewohner der Indikator für den Tod und wer tot ist, fliegt raus. Wenn er noch zuckt, weil er JA eben doch noch am Leben ist: Egal. Riecht tot. Ist tot. Weg damit. Was in der Natur so natürlich nicht passiert.

Verstehen Ameisen, was sterben heißt? Wahrscheinlich nicht. Sie reagieren auf biochemische Impulse und funktionieren. Wie aber ist es mit Tieren wie der legendären Orca-Mama Tahlequah, die ihr totes Jungtier 17 Tage lang mit sich herumtrug. Unter Einschränkungen der Nahrungsaufnahme trug sie den Leichnam huckepack mit sich. Faszinierend? Definitiv. In „Das Schweigen der „Das Schweigen der Schimpansen – Wie Tiere den Tod verstehen“ (Insel) geht die Philosophin Susana Monsó der Frage nach, wie weit unsere animalischen Erdenmitbewohner ein Konzept vom Tod haben. Klingt nach Kopfschmerzen wegen akuter Zerebralüberlastung? So ganz ohne Denkübungen und Theorie kommt die in Berlin ansässige Autorin nicht aus. Sie bemüht sich jedoch spürbar um Lesbarkeit, Anschaulichkeit und einen Erzählton, der unterhaltsam ist. Das Thema bleibt komplex. Gemessen daran ist „Das Schweigen der Schimpansen“ fluffig konsumierbar. Und wer nicht gewillt ist, einen Satz notfalls zweimal zu lesen, wird der Frage, ob und wie Tiere den Tod begreifen, wahrscheinlich ohnehin nicht nachgehen.

Klar ist von Anfang an: Die große Erleuchtung, die Antwort, die alle Zweifel ausräumt, kann ein solches Buch nicht liefern. Susana Monsó ist seriös genug, Thesen als Thesen stehen zu lassen und Beobachtungen aus der Natur wie Laborergebnisse nur als Wahrscheinlichkeiten zu schildern. Sie verkündet kein endgültigen Wahrheiten und verschweigt keineswegs, was für Anhänger von Yogamatten-Glückseligkeit schwer verdaulich sein dürfte: Tiere sind nicht die besseren Menschen. Tiere sind nicht frei von Aggressionen. Auch richtig heftigen. Es kommt vor, dass Affenmännchen Nachwuchs töten, damit sie sozial aufsteigen können. Es kommt vor, dass Primaten Albinos gezielt töten, weil sie nicht der Norm entsprechen. Die flipperig sympathischen Delfine spielen ab und an tödliche Spiele mit Schweinswalen. Warum? Weil sie es können. Vielleicht auch, weil es so neckisch knackt, wenn die Rippen brechen. Liebe Achtsamkeitsschwurbler und Naturapologeten: Nein! Die klangschalenrunde Happyness gibt es nicht und wird es niemals geben. Das Leben ist räudig.

Aber eben nicht nur. Monsós Buch liefert lesenswerte Belege für empathischem Umgang mit dem Tod. Feinfühligkeit und Trauer.
Von Hilfeleistung gegenüber Sterbenden. Ein Bewusstsein für das Sterben und die Unterscheidung zwischen lebendig und tot - jenseits der Ölsäurewahrnehmung aus dem Ameisenreich - dürfte im Tierreich häufiger existieren, als wir denken. Es wird sogar damit gespielt. Greetz go out to all Opossums. Was die auffahren, um sich tot zu stellen, ist schon einigermaßen irre.

So unmissverständlich der Blick in Richtung Tierwelt ausgerichtet ist: Es geht um vergleichende Thanatalogie und somit auch immer um uns. Wie sehen wir den Tod? Wo übertragen wir unser Denken auf Tiere. Wo sprechen wir ihnen ab, ähnlich wie wir zu empfinden? Die größte Erkenntnis, die uns allen am Ende von Monsós lesens- und bedenkenswerten Ausführungen bevorsteht, ist: Der Mensch ist ein Tier. Mit individuellen Eigenschaften. Das ja. Aber meilenweit davon entfernt, anderen Wesen überheblich als Krone der Schöpfung zu begegnen.

Straight outa Calvusberg – Tijan Silas „Krach“ ist Punkrock fürs BücherregalLetztes Jahr erhielt Tijan Sila den Ingeborg...
11/10/2025

Straight outa Calvusberg – Tijan Silas „Krach“ ist Punkrock fürs Bücherregal

Letztes Jahr erhielt Tijan Sila den Ingeborg-Bachmann Preis. Sein Roman „Krach“ von 2021 wurde – anders als die beiden Vorgänger – nicht ausgezeichnet. Soweit ich weiß. Ich schlage vor, Sila den noch zu etablierenden Wally-Waldorf Preis zu verleihen – benannt nach dem Sänger von Toxoplasma. „Ordinäre Liebe“, ein Song vom Debüt der Deutschpunklegenden aus Rheinland-Pfalz findet namentlich Erwähnung im Roman. Der Blick schweift in die Vergangenheit und endlich fühlt es sich einmal cool an, ein alter Sack zu sein: Die Welt, in die uns Tijan Sila versetzt fühlt sich vertraut an. Egal, ob man sie in der Pfalz oder im Schwabenland erlebt hat. Besetzte Häuser, Juzes, Wohlstands- und Sifferpunks, Fascho-Kneipen… Vertrautes Terrain, auch wenn es bei mir eher 1989 war und sich der junge Bosnier Sabahudin Hadžijalijagić, genannt „Gansi“ in „Krach“ durchs Jahr 1998 bewegt.

Gansi ist Punkrocker und Gitarrist der Band Pur Jus. Der Abiturient verachtet hippe Gleichaltrige, die Tocotronic hören und linke Studenten, die auf Konzerten achtsames Pogen einfordern. „Violent däncing“ sei „Ausdruck androzentrischer Körperpolitik“, erklärt einer von Ihnen. Für Gansi uns seine Mitmusiker eine Lachnummer. In Zeiten, in denen Punkmusiker aufgefordert werden, ihre T-Shirts anzubehalten und der Awareness-Beauftragte neben der Bühne steht, ist das gleich doppelt amüsant. Zumal Sila ein Meister so schnoddriger wie ideenreicher Formulierungen ist. Die gehässigen Kosenamen, die Gansi seinen kleinen Schwestern gibt, geben beispielsweise immer wieder Anlass zum Grinsen.

Dabei erschöpft sich „Krach“ nicht in Pointen. Auch nicht in Szene-Nostalgie. Die Anekdoten aus dem Alltag der Kleinstadtpunks sind durchzogen von Themen wie Identitätssuche, Heimat, Ausländerfeindlichkeit oder Wiedervereinigung. Es geht um Lebensentwürfe, Männlichkeitskonzepte, den rechtslastigen Osten Deutschlands – nur drängen sich diese Dinge nie in den Vordergrund. Auf den Punkt. Schnell. Rau. „Krach“ liest sich wie Punkrock. Was alles am Rande miterzählt wird, offenbart sich erst, wenn die Lektüre beendet ist. Wenn es still wird. Dann geht einem auch plötzlich auf, dass die Authentizität des Romans künstlerisch geformt wurde. Ja, es wirkt alles natürlich. Aber wirft man einen näheren Blick darauf, wie Gansi und seine Kollegen sprechen, zweigt sich, dass es sich um eine gewitzt erfundene Kunstsprache handelt. Literarisches, Slang, Dialekt: Wir lesen es, als sei es 1998 mitgeschnitten worden.

Dass Tijan Sila selbst gebürtiger Bosnier ist und in Punkbands spielte, bzw. spielt, ist ein weiterer Fall von Schein-Authentizität. In einem Interview hat er verraten, dass er mehr seiner eigenen Persönlichkeit in Bandleaderin Ursel sieht, als in Gansi. Wer zu rasch denkt, er habe alles durchschaut, weil sich „Krach“ so flott wegliest, der ist auf dem Holzweg. Und schnell gelesen sind die 270 Seiten. Weil dieses Buch nicht weggelegt werden möchte. Ein Punkalbum pausiert erst, wenn eine Seite zuende ist und man die Platte umdreht. Die Lektüre von „Krach“ entfaltet ihre Wirkung am besten, wenn man sich hineinziehen lässt, mitwippt, mitlebt.

Zum Glück ohne eine der zahlreichen Blessuren mitzunehmen, die sich Silas Figuren bei Schlägereien zuziehen. Zartbesaiteten dürfte das eine oder andere wehtun. Literarisch glückt auch die Darstellung von Gewalt – durch eine Brechung, durch slapstickhafte Untertöne.

Klare Leseempfehlung!

CK

̈chertipps

Einsames Ertrinken - Vor 100 Jahren begann Virginia Woolf ihren Roman "Zum Leuchtturm" zu schreiben.Virgina Woolfs „Zum ...
07/10/2025

Einsames Ertrinken - Vor 100 Jahren begann Virginia Woolf ihren Roman "Zum Leuchtturm" zu schreiben.

Virgina Woolfs „Zum Leuchtturm“, auch als „Die Fahrt zum Leuchtturm“ erschienen, gilt als Vorzeigeroman der Moderne. Die äußere Handlung erschöpft sich in einem Strandspaziergang und einer Bootsfahrt. Erzählt wird in Form der Bewusstseinsströme verschiedener Figuren. Auch deren Charakterisierung erfolgt aus dem Blickwinkel anderer. Entsprechend bleibt subjektiv, wie es sich mit wem tatsächlich verhält. Ist Mr. Ramsey ein wohlwollender Patriarch mit cholerischen Momenten? Oder ist er ein Tyrann, dessen Unberechenbarkeit allen zu schaffen macht und dessen strenge eine Fahrt zum Leuchtturm kategorisch verhindert? Ist Mrs Ramsey ein gutherziges Opfer ihres Mannes und des patriarchalen Systems oder eine durchaus machtbewusste Lenkerin, vielleicht sogar manipulativ?

Virginia Woolf hat in „Zum Leuchtturm“ ihre Eltern portraitiert, sie zumindest in die Figuren einfließen lassen. Mir wurde Mr. Ramsay mit fortschreitender Lektüre mehr und mehr zu einer überzeichneten Version meines Vaters. Das war unangenehm. Wenn Sohn James Ramsey vom Tyrannen-, also Vatermord fantasiert, weil er sich wünscht, sich zu befreien, so hat mich das vielleicht mehr mitgenommen, als andere Leser. Es ist klar, dass sich James selbst in etwas verbissen hat und nicht mehr fähig ist, klar zu sehen. Es ist aber auch klar, dass Mr. Ramsey für eine Welt steht, in der gesellschaftliches Vorankommen zählt und klare Werturteile herrschen, was künstlerische Qualität oder Schicklichkeit betrifft. Hat er seinen Sohn je für etwas gelobt? Er tut es sogar im Roman. Aber andere Gefühle sind mächtiger in James.

Ist irgendjemand glücklich in diesem Roman? Er hat mich in einer Verfassung angetroffen, die ihn wie eine Verneinung menschlichen Glücks wirken lässt. Ein dunkler Sog vorüber am Scheitern der Charaktere, die ihren Frieden vor allem in Visionen finden. Im Abdriften der Gedanken fort aus der Realität. Das Ende deutet Versöhnliches an. Vielleicht geht es also doch eher um die Schwierigkeit, Glück zu finden oder zu empfinden. Es zu erkennen. Oder zuzulassen. Wofür die Masken fallen müssten. Virginia Woolf blickt mit sezierendem Blick hinter die Fassade. Statt Glückseligkeit hält der Krieg Einzug. Angehörige sterben eines natürlichen Todes oder fallen. Die brillante Schilderung des verfallenden Feriensitzes im zweiten Teil von „Zum Leuchtturm“ steht stellvertretend für das Zerbrechen der heilen Welt, die von den Ramseys stets so gut wie möglich aufrechterhalten wurde.

Der Leuchtturm selbst, der im dritten Teil des Romans angesteuert wird, ist die Manifestation eines Ziels. Ein Objekt der Hoffnung. Er wird allerdings mehr und mehr profan, je näher er rückt. Es ist kaum anzunehmen, dass er James‘ Sehnsucht stillen wird. Und während sich Mr. Ramsey in Fischerromantik hineindenkt, attackiert Woolf die Verklärung, indem sie den fischenden Sohn von Bootsmann Macalister beschreibt. „[Er] nahm einen der Fische und schnitt ihm ein Rechteck aus der Seite, um seinen Angelhaken mit einem Köder zu versehen. Der verstümmelte Körper (er lebte noch) wurde ins Meer zurückgeworfen].

Wir werden ins Leben geworfen. Lernen wir schwimmen oder gehen wir unter? Mr. Ramsey zitiert „The Castaway“, ein Gedicht von William Cowper. „We perished, each alone“, so der ertrinkende Seemann in diesem Werk. Jeder ertrinkt, jeder stirbt für sich allein. Es sei denn, er findet einen Weg aus seiner Vereinzelung heraus. Virginia Woolf litt zeitlebens unter Depressionen. Mangelndes Selbstwertgefühl und Zweifel an der Qualität ihrer Texte löten Krankheitsschübe aus. 1941 beging sie in einem Fluss in Sussex Selbstmord. Der Abgrund in ihr gähnt auch unter der bürgerlichen Welt in „Der Leuchtturm“. Sensible Leser werden es spüren.

CK

Fatale Farbspiele – in „Wie die Deutschen weiß wurden“ zeichnet Wulf D. Hund die Geschichte des deutschen Rassismus nach...
05/02/2025

Fatale Farbspiele – in „Wie die Deutschen weiß wurden“ zeichnet Wulf D. Hund die Geschichte des deutschen Rassismus nach

Seit Jahr und Tag trage ich allmorgentlich das Hals- und Dekolleté-Serum von Kalloderma auf. Jetzt ist Schluss damit! Ein Buch hat mir die Augen über die Geschichte von Kalloderma geöffnet. Es ist eine Geschichte rassistisch geprägter Werbebotschaften. In den 1920 etwa lockte man Kunden mit einem weißen Mann, der durch noch weißeren Rasierschaum zusätzlich aufgehellt war und dem ein dienstbarer schwarzer Knabe einen Spiegel hinhielt. Das Bild ist klar. Seine Aussage stößt uns ebenso selbstverständlich ab. Doch ist der weiße Mann, der weiße Mensch eine gottgegebene Selbstwahrnehmung der Bleichgesichter? Natürlich nicht. Wulf D. Hund hat mit seinem bei Metzler erschienenen Buch „Wie die Deutschen weiß wurden“ eine „Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus“ vorgelegt, die einen sehr aufschlussreichen Überblick bietet, wie die überhebliche Glorifizierung der angeblich weißen Haut entstand und umgekehrt die Geringschätzung anderer Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe Einzug hielt.

Es ist eine der bitteren Erkenntnisse der Lektüre, dass ausgerechnet die Zeit der Aufklärung den Rassismus, wie wir ihn heute verstehen beförderte und Männer wie Kant, Hegel, Herder oder der große Idealist Schiller in verschiedenen Abstufungen (aus heutiger Sicht) eurozentristisch-rassistisches Gedankengut teilten. „Aus heutiger Sicht“, das soll nicht entschuldigen, nur darauf hinweisen, dass es weder den Terminus Rasse noch die Bezeichnung Rassismus gab. Wohl aber gab es schon überraschend früh einzelne Zeitgenossen, die aufgeklärter dachten. Eine Minderheit. Wenn Schiller die „Völkerschaften“, denen europäische Seefahrer begegneten als Schüler auf „mannichfaltigsten Stufen der Bildung […] wie Kinder verschiednen Alters“ sah, die von Europa lernten, so ist das kein Aufruf zum Völkermord, aber Ausdruck eines Denkens, das die Mär vom kulturlosen Primitiven stützte, die im Laufe der Geschichte immer wieder als Rechtfertigung für Grausamkeiten herhalten musste.

Zunächst waren es Antisemitismus und Antislawismus, die – unter hellheutigen Menschen für Diskriminierung und Ausgrenzung sorgten. Diese Binnendiskriminierung innerhalb der weißen Rasse, der „Kaukasier“ hörte im Grunde nie auf. Hund zeigt, wie sich der Rassismus, der Versuch, Rassenlehren zu entwickeln, rasch selbst ad absurdum führt. Je nach politischem Interesse wurden die Türken von den mongolischen Völkern ausgenommen und zu Ariern erklärt oder die Japaner für wertvoller erachtet, als die gefahrbringenden Chinesen. Mit der Herausbildung ärmerer Schichten im Zeitalter der Industrialisierung entsteht zusätzlich der Klassismus mit Ideen, Teile der eigenen (weißen) Bevölkerung an der Ausbreitung zu hindern. Andererseits fungiert der Rassismus teilweise als sozialer Kitt. Wer nichts hat, kann nun wenigstens auf andere zeigen, die angeblich wertloser sind. Hier kommt es zum zweiten Schockmoment in „Wie die Deutschen weiß wurden“. Sozialdemokraten, Frauenrechlerinnen und Linke waren durchaus nicht gegen eugenisches, armenfeindliches und rassistisches Gedankengut gefeit. Es tut weh, das zur Kenntnis zu nehmen, aber es gehört zur Wahrheit.

Antiziganismus, Hautfarben in der Kunstgeschichte, Hofmohren, Kolonialismus, Antisemitismus, der Nationalsozialismus (ein Paradebeispiel für das menschenverachtende Vorgehen Weißer gegen Weiße) – Der Soziologe Wulf D. Hunt beleuchtet viele Facetten. Das Thema hätte einen dicken Wälzer hergegeben. Stattdessen begnügt sich das Buch mit einem exzellent lesbaren Gang durch die Geschichte auf knappen 170 Seiten. Sie sind kulturhistorisch spannend, überaus erhellend und machen Lust auf eine tiefergehende Auseinandersetzung mit einzelnen Punkten. Ein anhängendes Literaturverzeichnis mag dabei helfen.

2017 erschienen, wirkt „Wie die Deutschen weiß wurden“ wie ein Buch der Stunde. Problemlos lässt sich ein Absatz zum Jahr 2024 denken. Zu Bildern, die in unseren Köpfen herumspuken und den Erfolg neuer Menschenfeinde stützen. Nach der Lektüre wird mancher Themen wie „Blackfacing“ nochmals neu überdenken.

CK

Lesung und Gespräch: Malin Thunberg Schunke: „Ein höheres Ziel“Am Sonntag, den 16. Februar 2025 um 17 Uhr im Haus des Bu...
27/01/2025

Lesung und Gespräch: Malin Thunberg Schunke: „Ein höheres Ziel“

Am Sonntag, den 16. Februar 2025 um 17 Uhr
im Haus des Buches Degerloch
Eintritt: 10 Euro

In Schweden sind bereits fünf Krimis erschienen, in denen die beiden Staatsanwältinnen Esther Edh und Fabia Moretti ermitteln. Malin Thunberg Schunke, die in Hannover und auf Sardinien lebt, weiß, wovon sie schreibt: Sie ist Privatdozentin für Strafrecht und war selbst als Staatsanwältin tätig, ehe sie ihren ersten Krimi verfasste. Beim Cannstatter Polarverlag erscheint ihr Debüt „Ett högre syfte“ nun erstmals auf Deutsch. Veröffentlicht wird „Ein höheres Ziel“ am 10. März 2025.

Im Haus des Buches stellt Thunberg Schunke ihren Roman über Verrat, Vorurteile, Vertrauen und Freundschaft bereits im Februar vor. Mit dabei: Übersetzerin Stefanie Werner. Gespräch und Lesung werden ineinander greifen und neben dem fertigen Roman auch Schreibprozesse beleuchten.

Im Mittelpunkt der Handlung von „Ein höheres Ziel“ steht der schwedische Staatsbürger Amir Yasin, der im Zusammenhang mit einem Attentat des Mordes verdächtigt wird. In Fleury-Mérogis, einem der größten und brutalsten Gefängnisse Europas, kämpft er um sein Überleben und sein Recht. Esther Edh und Fabia Moretti machen sich daran, die komplexe Wahrheit ans Licht zu bringen.

Musikalisch wird der Abend von Les Braves Cons umrahmt.
https://www.youtube.com/watch?v=q-YJNwmnX3o

Ringen um die Leichtigkeit des Seins: Martina Hefters „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ sucht das Glitzern im Alltägl...
13/01/2025

Ringen um die Leichtigkeit des Seins: Martina Hefters „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ sucht das Glitzern im Alltäglichen

„Das ist alles andere als eine Geschichte aus der griechischen Mythologie“, schreibt Martina Hefter in „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ (Klett-Cotta) und schiebt hinterher: „Später musste Juno nochmals los, Klopapier kaufen.“ Diese zwei Sätze reißen an, welchem Programm die Trägerin der Deutschen Buchpreises 2024 in ihrem Roman folgt: Sie verknüpft das Profane mit dem Kosmischen, einem Überbau, der vielleicht nur Illusion ist, aber als Sehnsucht dennoch Halt gibt.

Im Mittelpunkt steht Juno, deren Leben um ihren schwer kranken Ehemann Jupiter kreist wie die Juno-Sonde um den Gasplaneten. Dabei hat sie durchaus ein eigenes Leben als Künstlerin. Sie tanzt, sie erarbeitet mit den Musikern Tristan und Phoebus (ein Beiname des Apoll) ein Bühnenprogramm. Es fällt ihr allerdings schwer, sich von „Jupi“ zu lösen. Nicht, dass sie sich trennen wollte. Aber schon der Gedanke, ihn allein zu lassen, um in einer anderen Stadt aufzutreten, macht ihr Probleme. Umso wichtiger wird der Chat mit einem Love-Scammer aus Nigeria. Juno enttarnt ihn schnell. Der Kontakt allerdings bleibt bestehen und verschafft ihr Momente des Austretens aus dem Alltag wie der beständige Blick in den Nachthimmel und zu den Sternen. Den Namen des Scammers, Benu, hat Martina Hefter einem ägyptischen Totengott entliehen, der in der Astronomie der alten Ägypter mit Venus verbunden war. Mit seiner Vogelgestalt ist er zudem ein Vorfahr des Phönix.

So dicht das Geflecht aus mythologischen Anspielungen und Blicken ins Weltall auch ist (Lars von Triers Endzeitfilm „Melancholia“, der um die Kollision des gleichnamigen Planeten mit der Erde kreist, durchzieht den Roman als weiteres Motiv und schlägt den Bogen zum Namen Tristan): Er liest sich als zutiefst menschliche Geschichte, die fest auf dem Boden der Realität steht. Juno wird für den Leser lebendig, ist ganz Mensch in einem greifbaren Leipzig. Nie wirkt die durch Alltagsszenen bestimmte Handlung mit Anspielungen überfrachtet oder ins Allegorische gezwungen. „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ ist in erster Linie eine feinfühlig gestaltete Dreiecksgeschichte rund um Träume und Sehnen, die erzählerisch ab und an verblüffend choreographiert ist. Rückblenden und Ausblicke durchbrechen die Chronologie der Ereignisse. Wie sonst sollte man erzählen, wenn die Zeit kein Strahl, sondern eine Suppe ist?

Schlichte, fast nüchterne Sprache, Chatjargon und poetische Momente (Hefter ist auch Lyrikerin) wirbeln in dieser gehaltvollen Lebensbrühe herum. Zwischendurch fühlt sich die Erzählerin sogar genötigt, Juno direkt anzusprechen. „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ ist nicht experimentell, aber eigen und sowohl inhaltlich wie formal eine bereichernde Lektüre, die noch auf den letzten Seiten überrascht. Ein inspirierendes Buch, das sich konzentriert und mit wenig Personal dem Leben in seiner ganzen Spannweite zwischen Wunden und kleinen Wundern widmet, sich den Details am Rande zuwendet und ihre Magie bewahrt. Den kleinen Dingen, die selbst im Vergleich zum Universalen ausschlaggebend bleiben, wenn wir ein kleines bisschen Glück finden wollen

CK

News aus unserer kleinen Buchhandlung 🫶👩‍🎨🧑‍🎨📚Wir starten das LESUNGSJAHR mit Blick auf ein bislang von uns verschmähten...
09/01/2025

News aus unserer kleinen Buchhandlung 🫶👩‍🎨🧑‍🎨📚

Wir starten das LESUNGSJAHR mit Blick auf ein bislang von uns verschmähten Genre: der KRIMInal & THRILLERliteratur
🥸🕵‍♂🕵🏽‍♀🔫

Dafür aber gleich an mehreren Abenden & mit Autorinnen, die selbst einem unverbesserlichen Krimibanausen wie mir ein enormes Lesevergnügen bereiteten haben & wohl zurecht für eine neue Generation von Krimischriftstellerinnen stehen:

Annika Strauß liest am 23. Januar
(20 Uhr geht's los) aus ihrem aktuellen Romantitel "Nachtfahrt", jener im Aufbau Verlag erschienen ist.

Ein Plot mit psychologischer Tiefe & in einer nahbaren Kulisse. Sympathische Erzählerin inklusive.

Das tödliche Unglück ihres Vaters & Fahrschulleiters bringt Katharina aus Berlin wieder zurück in die Heimat in der Schwäbischen Alb. Unfall oder vorsätzlicher Mord? Hierbei wartet die eigene Vergangenheit darauf, aufgearbeitet zu werden und auch das Verschwinden ihrer 13jährigen Nichte gestaltet die Rückkehr in Katharinas Heimat nicht besonders annehmlich....

Bei einem Eintritt von nur 8 Euro erwartet uns also ein toller Start in unsere Krimilesereihe😉😛

PS.
Für das leibliche Wohl ist auch gesorgt!
☕🥧🍰🫖☕

copyright Bild Annika Strauß: Claudia Engl

Postindustrielles Panorama: Tess Guntys „Der Kaninchenstall“ verflicht Geschichten vom Rande der Gesellschaft zu einem r...
17/12/2024

Postindustrielles Panorama: Tess Guntys „Der Kaninchenstall“ verflicht Geschichten vom Rande der Gesellschaft zu einem rasanten und bissigen Roman

1960 erhielt Philip Roth den National Book Award. Im Alter von 26 Jahren (1995 bekam er ihn nochmals). Tess Gunty war 29, als sie 2022 mit dem Preis ausgezeichnet wurde. Nie waren ein Preisträger oder eine Preisträgerin seit Roths Ehrung jünger. Das sagt wenig über die Qualität ihres Romandebüts „Der Kaninchenstall“ (nun bei KiWi als Taschenbuch erschienen). Eine Jury ist nie über persönliche Zweifel und Geschmacksfragen erhaben und hinter der jungen Autorin, die als literarische Sensation gefeiert wird, könnte auch bloßer Hype stecken.

Tess Gunty zerstreut die Zweifel vom ersten Satz an. "In einer heißen Nacht verlässt Blandine Watkins in Apartment C4 ihren Körper.“ Wie bitte? Kommt uns Gunty hier mit einer übersinnlichen Story inmitten eines heruntergekommenen Apartmenthauses? Nein. So viel sei verraten. Obwohl sich herausstellt, dass sich Blandine mit mittelalterlichen Mystikerinnen befasst, mit Stigmata, mit religiöser Besessenheit mit rational nicht greifbarer Annäherung an überirdische Mächte. Aha, denkt der clevere Leser. Blandine hat also am Ende, wenn der Roman zum ersten Satz zurückkehrt, eine Out Of Body Experience. Hm. Jein. Ganz so simpel funktioniert „Der Kaninchenstall“ nicht.

Auch nicht vom Aufbau her. Wenn die Autorin anfängt, von Apartment zu Apartment überzublenden und zu beschreiben, was sich dort jeweils abspielt, dann sollte man nicht darauf setzen, dass dies das formgebende Bauprinzip für den Roman ist. Wechsel zwischen verschiedenen Episoden, die unterschiedliche Charaktere erleben, gibt es durchgehend, auch Begegnungen unter ihnen. Ein bisschen wie in einem gelungenen Episodenfilm. Der Blick schweift immer wieder über V***a Vale, Indiana. Einst Industriestadt ist der Ort dem Tode geweiht. Ein Bauprojekt zulasten der Natur soll den Verfallsprozess aufhalten. Stoff für einen Ökothriller.

Gunty hat lieber ein Buch über Leben und Tod, Triebe und Träume, das animalische im Menschen und den Umgang mit Verletzungen geschrieben. Die Wunde, die der Baukonzern der Natur schlagen will ist da nur symbolische Unterfütterung. Die Vielfalt der Stimmen schlägt sich in formalen Brüchen wieder. Zitatensammlung. Comic. Innerer Monolog. Unrast bestimmt den Text. Ein bisschen wirkt es als seien die Bewohner des Kaninchenstalls in seltsamen Aktionismus verfallen, um zu überspielen, dass sie nichts tun können, weil sie nicht wollen oder paralysiert sind, wie die junge Mutter, die Angst vor dem Neugeborenen hat. Blandine ist nicht die Einzige, die skurrile Anwandlungen hat. Das Skurrile wird vielmehr in den Rang einer Normalität erhoben. Wir haben doch alle einen Hau, oder? Erst recht übrigens jene, die wirken, als seien sie geerdet, weil sie Sprechblasen reproduzieren wie James, der versucht, einer Schülerin, mit der er geschlafen hat zu erklären, wie besonders sie für ihn ist.

Tess Gunty entlarvt die Taktiken, mit denen der Wahnsinn versteckt wird. Seht ihm ins Auge, raunt der Text. Und akzeptiert, dass nicht jeder Abgrund überbrückt werden kann.
Das Faszinosum an „Der Kaninchenstall“ ist – ein Faible für literarische Boshaftigkeiten und der einen oder anderen (auch verbalen) Grobheit vorausgesetzt – dass der Roman trotz der Ansammlung von Scheiternden und Gescheiterten keine Trostlosigkeit transportiert. Das verdeutlich vor allem der Schluss. Es gibt auch etwas Gutes im Menschen. Irgendwo zwischen Hildegard von Bingen und youtube. Klingt ein bisschen verrückt? Ja. Denn genau das ist „Der Kaninchenstall“. Ein lesenswerter Erstling!

CK

Fast wie im wirklichen Leben: Judith Poznan liefert mit „Aufrappeln“ gute Medizin gegen Liebesschmerz und Trennungs-Blue...
08/11/2024

Fast wie im wirklichen Leben: Judith Poznan liefert mit „Aufrappeln“ gute Medizin gegen Liebesschmerz und Trennungs-Blues

Autofiktion liegt im Trend. Maxim Biller hat die deutschsprachigen Werke von Vertretern und Vertreterinnen der fiktional durchwirkten Selbstauskunft als „Schlappschwanz-Literatur“ gegeißelt sprach, Es gehe immer um denselben konfliktlosen Konflikt. Um eine junge Frau oder einen jungen Mann aus der Provinz auf der Suche nach sich selbst. Nö. Nöpedinö.

Judith Poznans „Aufrappeln“ (Dumont) handelt beispielsweise von der Trennung eines Paares mit gemeinsamem Kind. Mitten in Berlin sucht die Protagonistin, die zumindest namentlich mit der Autorin übereinstimmt keineswegs sich selbst, sondern einen Weg, den Liebeskummer zu verarbeiten und den eigenen Lebensmut aufrechtzuerhalten. Erinnerungen an den ersten Kuss kommen hoch. Erinnerungen an das Elternhaus, die deutsche Teilung und die Trennung von Vater und Mutter.

Spektakulär ist das Wenigste, was Poznan schildert. Am ehesten sind es die Ratten, die wie böse Vorboten in der Toilette auftauchen und in den Wänden scharren. Wer mag, kann das als Symbol für den Zustand des Heimathafens, der Familie sehen. Da Judith Poznan versichert, diese Episode sei selbst erlebt, muss man sie aber auch nicht mit symbolischer Bedeutung überfrachten. „Aufrappeln“ will gar nicht mehr, als eine alltägliche Geschichte erzählen. Einblicke in den Prozess, sich das Weiterleben zu erobern. Ohne Abrechnung mit dem Ex. Auch er wird mit viel Feingefühl geschildert. Poznans Erzählton berührt, ohne kitschig zu werden, amüsiert, ohne ins Alberne abzurutschen und ein paar wundervolle Szenen, in denen der Kindermund zum Zuge kommt, gibt es auch noch. Wer Kinder hat oder Kinder mag wird seine Freude haben.

Sie hoffe, dass man sich in den Situationen wiederfinden könne, sagt die Autorin. Ja. Das kann man. Aus persönlicher Warte betrachtet, selbst geschieden mit gemeinsamen Kindern und aktuell damit beschäftigt, das Ende einer Partnerschaft durch Verlassen werden zu verarbeiten, gibt es nur ein Fazit: „Aufrappeln“ ist reich an Momenten, in denen man sich selbst erkennt. Die Fallen, in die man geht, die Fragen, die aufkommen. Dabei schleimt sich das Buch nicht als guter Freund beim Leser ein oder kehrt den guten Ratgeber heraus. Es ist einfach nur da, unterhält und tut gut. Somit ist dieser zweite Roman von Judith Poznan exakt das, was ein beziehungsgeschädigtes Hirn braucht. Es dürfte auch für jene funktionieren, deren unschöne Erfahrungen weiter zurückliegen.

Wer das Poznan-Debüt „Prima Aussicht“ gelesen hat, begegnet dem Buch hier wieder. Beide ergänzen sich, unterscheiden sich allerdings graduell. „Aufrappeln“ ist insgesamt melancholischer, geht mehr ans Herz, ohne die Pointen zu sehr zu vernachlässigen. „Schlappschwanz-Literatur“? Ganz und gar nicht. Ein lebenspralles Buch, das als Gegengift gegen trübe Gedanken gute Dienste leistet!

CK

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