11/08/2026
Heute habe ich ein außergewöhnliches Klavier gestimmt: ein Grotrian-Steinweg 122 von 1993. Eigentlich nichts besonderes, aber dieses Exemplar hatte eine Stummschaltung eingebaut. Und zwar das System "Night & Day" von Furstein Farfisa. Und das ist wirklich außergewöhnlich. Mittels Pedal werden die Hämmer kurz vor der Saite gestoppt, dadurch wird das Klavier stumm geschaltet. Dann kommt ein Klangerzeuger ins Spiel, dessen künstlichen Klavierklang man mit einem Kopfhörer hört.
Furstein Farfisa aus Italien war der erste Klavierhersteller, der eine Stummschaltung mit elektronischer Klangerzeugung in Klaviere einbaute. Heute ist das normal, das bekannteste System dürfte das Silent System von Yamaha sein. Ich weiß noch, als Night & Day auf der Musikmesse in Frankfurt 1992 präsentiert wurde. Ich war hellauf begeistert von dieser grandiosen Idee. Und das ausgerechnet von einem eher unbekannten Hersteller, der in der Klavierwelt eigentlich keine große Rolle spielte (gibt es heute auch nicht mehr). Farfisa war damals eher bekannt für Heimorgeln.
Leider war das System damals so alles andere als ausgereift. Aber klar, war ja auch neu. Das schlimmste waren die Sensoren unter den Tasten. Das wurde mechanisch mit diesen runden Gummi-Noppen realisiert. Leider spürt man diese Noppen auch beim akustischen Spiel, da die Tasten diese Noppen herunter drücken (sollen) und man dann den Widerstand vom Gummi spürt. Und die Klangerzeugung war damals auch noch nicht so ausgereift. 1993 halt. Heutzutage sind die Sensoren berührungslos, das funktioniert heute optisch oder mit Magnetfeldern.
Was die Kombination von Grotrian-Steinweg und Furstein Farfisa so außergewöhnlich macht: mir ist nicht bekannt, dass Furstein dieses System an andere Hersteller geliefert hätte. Weder an Grotrian noch an sonst einen anderen. Daher kennt man Night & Day ausschließlich in Furstein Klavieren. Und der Einbau in diesem Grotrian Exemplar sieht mir ganz so aus, als sei er im Grotrian Werk in Braunschweig gemacht worden. Also nicht nachträglich von einem Kollegen, sondern tatsächlich werksseitig.
Auch Grotrian-Steinweg gibt es heute leider nicht mehr. Die haben letztes Jahr Insolvenz angemeldet. Lediglich der Name existiert weiter, und zwar in chinesischen Händen. Das Werk in Braunschweig dagegen wurde für immer geschlossen. Wirklich schade um diesen Premium Hersteller mit 190-jähriger Geschichte.