12/11/2023
Vor etwa einem Jahr stellte ich mir dieses Klavier vor den Laden.
Seitdem dokumentiert es - ungeschützt der Witterung ausgesetzt - den stetigen Verfall.
Anfänglich durchaus noch spielbar, aber selbst geschenkt wollte es niemand.
An Weihnachten geschmückt mit einer Lichterkette (siehe Beiträge weiter unten).
Nach dem Winter schon etwa zerfallen und natärlich längst nicht mehr spielbar, jetzt im Herbst nach knapp einem Jahr fast schon ein Kunstwerk.
Von vielen Leuten bestaunt, vorsichtig berührt und auch fotografiert - stehts mit Respekt behandelt.
Am Freitag Nachmittag konnte ich dann nicht wie geplant den Verfall des Instrumentes sondern den Verfall von Anstand und Moral beobachten:
Ein Autofahrer hielt an, nahm sich den schon abgefallen aber würdevoll an das Instrument gelehnten Oberrahmen, beraubte diesen in aller Ruhe seiner Messing-Leuchter und fuhr mit den Kerzenleuchtern davon.
Er machte sich nicht einmal die Mühe, den Oberrahmen wieder dorthin zurückzustellen, wo er ihn weggenommen hatte.
Diese Leuchter waren ursprünglich nicht an diesem Instrument. Ich hatte sie extra angebracht.
Sie waren nicht sonderlich "wertvoll". Vielleicht 80,- Euro.
Aber sie hatten an DIESEM Klavier einen anderen Wert, denn sie machten es zu dem, was es war:
Einem Blickfang, der von Vergänglich - und Beständigkeit erzählt. Von einem Glänzen, das bleibt, auch wenn alles andere darum herum zusammenfällt.
Man kann je nach Lust und Laune auch gerne die Gedanken weiterspinnen:
Einem Glänzen, dass aber auch nur bleibt, wenn man es bewahrt (in diesem Falle mit einer schützenden Schicht aus Zappon-Lack).
Die Pedale - aus gleichem Material hergestellt, aber mit Füßen getreten und damit Ihrer Lackschutzschicht beraubt, glänzen längst nicht mehr, sind aber immer noch vorhanden, wenn auch optisch unscheinbar.
Lassen wir das.
Mein "Patina Piano" - genauso wie die "Beuys´sche Badewanne" nicht als das erkannt, was es sein sollte. Fast schmeichelhaft.
Feiner Unterschied:
Der Gedanke, die Badewanne von Beuys wieder ein einen nutzbaren Zustand zu versetzen ist durchwegs ehrenwert, bei meinem auf einem Privatgrund stehendem Piano die Kerzenleuchter abzuschrauben ist - Diebstahl.
Ich habe den Oberrahmen wieder dorthin verbracht, wo er vorher stand.
Da steht er nun wieder. Wie vorher. Nur ohne Leuchter.
So erinnern die dunklen Stellen im Holz, wo früher die Leuchter mal angebracht waren nun an die dunkle Stunde eines vorbeifahrender Mitmenschen, der an einem trüben Novembernachmittag der Meinung war, dass mein Eigentum bei ihm besser aufgehoben wäre.
An diesen Mitbürger (nein, es waren weder [Achtung, Klischee!] ausländische Schrotthändler noch angetrunkene Jugendliche) ergeht die Aufforderung:
Machen Sie etwas aus der Situation.
[ Gerne Teilen, es schadet nicht, wenn dieser Text bei der entsprechenden Person ankommt.]