25/07/2024
Gedanken zum Thema Gewalt von unserer Autorin Dr. Dagmar Ciolek.
Ich glaube, wir müssen reden. Und zwar über „Gewalt“.
Kann Gewalt angemessen sein? Wo beginnt Gewalt? Ist negative Verstärkung eine Form der Gewalt? Es ist interessant, beide Begriffe mal zu "googeln".
Wir erziehen Pferde auch. Das geht wie beim Menschen auch nicht vollkommen „antiautoritär“. Zur Erziehung müssen wir Ruhe, Kompetenz, Führungsfähigkeiten und Konsequenz ausstrahlen, gut erklären können und auch mal Strafe zumindest androhen. Mit der Androhung von „Fernseh-, Handy- oder Computerverbot“ kommen wir da bei Pferden nicht weit, daher müssen wir andere Wege gehen. (Der Satz ist nur in Grenzen ernst gemeint ;-) . Wir haben 2 Söhne großgezogen und solche Verbote glaub ich nie ausgesprochen).
Komme ich persönlich als erfahrener Pferdemensch zum Beispiel auf eine Koppel zu einer Herde, die mich nicht kennt und die ich nicht kenne, nehme ich immer eine Gerte mit als Verlängerung meines Armes. Selten muss ich diese nutzen, aber ich muss ggf. auch drohen können. Allein meine körperliche und mentale Präsenz reicht bei manchen Pferden möglicherweise einfach nicht aus.
Wir arbeiten mit den Pferden relativ häufig mit negativer Verstärkung in Kombination mit positiver Verstärkung.
Ein Beispiel: Das Pferd weicht dem seitwärtstreibenden Schenkel nicht? Der Reiter verstärkt die Hilfe, gibt einen deutlicheren Impuls, vielleicht etwas weiter hinten, verstärkt diesen unter Umständen auch mit dem Sporn oder der Gerte, sobald das Pferd aber reagiert, MUSS diese Verstärkung wieder aufhören, die Hilfe leiser und angenehmer werden und das Pferd GELOBT werden. Ähnlich ist es bei der aus- oder durchhaltenden Zügelhilfe, das Pferd kann sich durch Nachgeben im Genick selbst belohnen, der eher unangenehme Druck auf Zunge und Laden hört sofort auf.
Weiteres Beispiel: Das junge Pferd kennt die vorwärtstreibenden Reiterhilfen nicht, der Reiter wird von unten vom Ausbilder am Boden unterstützt. Durch Körpersprache, Stimme oder auch durch Drohung mit der Peitsche. Denn auch ein Anheben der Peitsche ist nichts weiter als eine Drohung. Eine Peitsche an sich ist auch für das Pferd keine vorwärtstreibende Hilfe, sie wird es erst durch die Geräusche, die sie macht, durch den optischen Reiz und dadurch, dass man manche Pferde auch einmal damit berührt.
Jetzt beginnt man, den treibenden Impuls des Schenkels mit Stimme und Körpersprache und Peitschendrohung dem Pferd verständlich zu machen, bis man darauf verzichten kann. Wir arbeiten aber dabei mit der Androhung von Gewalt. Das muss uns bewusst sein. Sobald das Pferd wie gewünscht reagiert hat, arbeiten wir zusätzlich mit positiver Verstärkung, mit Lob jeder Art.
Auch, das Training ab einem bestimmten Punkt nicht zu beenden, ist übrigens eine Form der Gewalt. Immer und immer wieder bestimmte Dinge zu üben, für die das Pferd noch nicht ausreichend vorbereitet ist. Auch das ist Gewalt!!!
Auch das Reiten eines Pferdes unter Schmerzen oder mit unpassendem Sattel oder viel zu viel Reitergewicht ist eine Form der Gewalt. Ebenso wie die Haltung in dunklen, kleinen Boxen oder das Überfüttern der Pferde. Denkt mal drüber nach!
Wir nutzen im Sinne der Pferde negative Verstärkung mit so wenig Einwirkung wie möglich und so sanft wie möglich. Sie muss immer so erfolgen, dass das Pferd auch verstehen kann und wir es hierfür wieder auch aktiv loben können. Wir bewegen uns auf dem schmalen Grat zwischen Vertrauen, Verstehen, Respekt und Angst.
Ein Wesen von 300 bis über 1000 kg Lebendgewicht ist für den Menschen in bestimmten Situationen durchaus nicht ungefährlich. Ein testosterongesteuerter Hengst in Witterung einer rossigen Stute kann nicht oder vielleicht in Ausnahmefällen am Bindfaden geführt werden. Ein rüpeliges Jungpferd oder ein verzogenes älteres Pferd muss erst lernen, die Individualdistanz des Menschen zu respektieren. Körpersprache hilft da viel und oft, aber manchmal geht es zu Beginn nicht ohne Hilfsmittel. Attackiert mich auf der Koppel ein Pferd, muss ich es auf Distanz halten können. Ich muss dabei aber immer fair und verständlich bleiben.
Reisst sich ein Jungspund beim Holen von der Koppel oder beim Verladen immer wieder los und rennt auf und davon und weiss , dass das eine reine Kraftsache ist, muss ich unter Umständen mal mit Trense oder Kappzaum führen, eine Gerte in der Hand….. Das ist auch eine Frage der Sicherheit des Pferdes.
Es ist nicht immer so einfach, wie es scheint.
Ich hatte mal ein solches Pferd im Beritt, der brauchte einmalig eine deutliche Ansage, dann war das Thema auch erledigt. Kurze und deutliche Ansagen sind auch unter Pferden durchaus üblich und für Pferde verständlich. Genau dieses Pferd war aber wie alle Pferde auch durchaus sensibel und ein einmaliges etwas deutlicheres Touchieren reichte vollkommen aus. Dafür nehme ich gern Springklatschen, die vor allem ein Geräusch erzeugen aber weniger schmerzhaft in der Anwendung sind. Probiert das bitte mal aus. Besonders schmerzhaft sind hart eingesetzte lange Gerten.
Wie fest darf man nun Hilfsmittel einsetzen? Dazu lasse ich Schüler gern diese Hilfsmittel am eigenen Körper testen. Einer longiert den anderen, der mit nackten Beinen läuft und dann mit der Longierpeitsche touchiert werden darf. Das sollte jeder Reiter mal gefühlt haben. Das gleiche gilt für Gerte und Sporen.
Weniger leicht erklärbar und sichtbar ist die Gewalt, die Pferden im Maul angetan wird. Da ist schon das Verwenden von immer schärferen Gebissen und/oder das Zuschnüren der Mäuler Gewalt. Hier kann das Experiment mit dem Gebiss vor dem Schienbein beim Verständnis ein wenig helfen. Selbst ein korrekt verschnallter Ausbinder und jeder aufgenommene Zügel ist eine gewisse Form der Gewalt. Denn beides begrenzt das Pferd im Rahmen. Durch Akzeptieren dieses Rahmens kann das Pferd aber selbst diese unangenehme Begrenzung so annehmen, dass sie nicht mehr unangenehm ist.
Auch das Reiten in der immer gleichen Kopfhalshaltung mit dauerhaft gleichem Zügelmaß IST eine Form der Gewalt.
Jedes Dauerziehen, Dauerquetschen usw. sollte vermieden werden! Wir sollten möglichst mit impulsartigen Hilfen arbeiten, die wir permanent minimieren.
Jede deutlichere Hilfe muss vorher abgewogen werden und die Reaktion darauf überprüft werden.
Ein Pferd in zunehmender Angst kann nicht lernen! Das gilt für alle Lebewesen.
Jegliche Kommunikation mit dem Pferd sollte auf das Verstehen ausgerichtet sein und dazu führen, dass wir das Verständnis dann LOBEN können!
Die Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses und eine eindeutige Kommunikation, DAS ist
im Sinne der Pferde
Dagmar Ciolek