04/06/2026
Linke Hände - 5 Mythen
Was haben Berühmtheiten wie Julia Roberts, Barack Obama und Henry Maske gemeinsam? Sie sind Linkshänder. Doch gelten sie deshalb als intelligenter, kreativer oder sportlicher als Rechtshänder? Über »Lefties« kursieren allerhand Mythen. Was davon ist wahr und was ist falsch?
Mythos 1
Linkshänder sind künstlerisch begabt.
Die Behauptung hält sich wacker. Schließlich wird sie gestützt durch große Namen wie Mozart, Picasso oder auch Jimi Hendrix und Karl Lagerfeld – allesamt Linkshänder und herausragend kreative Köpfe.
Noch dazu geht die Wissenschaft davon aus, dass bei Sinistralität, so der Fachbegriff für Linkshändigkeit, die rechte Hirnhälfte dominiert. Sie steht unter anderem für Kreativität und Empathie. Ist die linke Hand aktiv, kommt unser bildhaftes Denken in Schwung. Daher sagt man Linkshändern mehr Fantasie und Feingefühl nach. Rechtshänder hingegen, bei denen die linke Hemisphäre stärker ausgeprägt ist, gelten als Analytiker, die praktisch an die Sachen herangehen.
Nichtsdestotrotz ist die Präferenz für die linke Hand keine Garantie für künstlerische Begabung – dafür spielen durchaus mehr Faktoren eine Rolle.
Mythos 2
Linkshänder haben einen höheren IQ.
Albert Einstein, Issac Newton und Leonardo da Vinci – als Geistesgrößen sind sie in die Geschichte eingegangen. Und sie schrieben ihre Werke mit links. Zufall? Ja, meint einer der weltweit bekanntesten Händigkeitsforscher Chris McManus vom University College London. Bei 11.000 untersuchten Links- und Rechtshändern war der durchschnittliche Intelligenzquotient nahezu identisch – auf den ersten Blick. Denn sobald er seinen Fokus auf die Extreme warf, stellte sich heraus, dass es sowohl bei den Hochbegabten als auch bei Leistungsschwachen auffallend viele Linkshänder gab. Übrigens war auch der Serienmörder Jack the Ripper ein Linkstäter. Die Bandbreite scheint also groß zu sein.
Mythos 3
Linkshänder sind tolpatschig.
Nicht unbedingt. Trotzdem seien sie überproportional in Unfälle verwickelt. Warum? Das erklärt der Biopsychologe und Co-Autor der Linkshänder-Studie an der MSH Medical School Hamburg, Sebastian Ocklenburg, so: »Unsere Welt ist auf Rechtshänder ausgerichtet, insbesondere bei Maschinen, Apparaturen und Arbeitsgeräten. Alarmknöpfe in der Industrie sind häufig rechts platziert.«
Und dass sich linkshändige Kinder schwertun, haptische Fertigkeiten wie Stricken, Häkeln, Schleifebinden zu lernen, liegt nicht daran, dass sie sprichwörtlich zwei linke Hände haben. Sondern: Ihre »Lehrer« sind meistens Rechtshänder. Zum Basteln sollten Eltern ihren kleinen »Lefties« eine Linkshänderschere besorgen. Glücklicherweise hat sich inzwischen ein Markt dafür entwickelt. Sogenannte Linkshänderläden bieten Menschen, die alles mit links machen, eine ganze Reihe an Alltagshelfern an. Vom Dosenöffner, Füller bis zur PC-Maus gibt es kaum noch einen Gegenstand, der nicht auf links gedreht wurde.
Mythos 4
Linkshänder sind die besseren Sportler.
Nein, das muss nicht sein. Aber sie haben gewisse Vorteile. Denn welcher rechtshändige Gegner rechnet schon mit einem Schlag von links? Diesen Überraschungseffekt können sich Linkshänder zunutze machen. Bestes Beispiel: Timo Boll, mehrfacher Olympia- und Europameister im Tischtennis. Kaum jemand konnte seine linke Rückhand kontern.
Mythos 5
Linkshändigkeit liegt in den Genen.
Das stimmt. Ein spezielles Gen dafür gibt es zwar nicht, doch Linkshändigkeit ist angeboren und vererbbar – und zwar zu mehr als 25 Prozent. Interessant ist, dass laut Studien auch andere Faktoren eine Rolle spielen, etwa die Jahreszeit, in die wir hineingeboren werden. Manche Wissenschaftler vermuten sogar einen Zusammenhang mit dem Geburtsgewicht und dem Geschlecht. Demnach sollen leichte Babys und vorrangig Jungs, die im Winter Geburtstag haben, die Neigung zur Sinistralität haben.
Mit etwa zehn Prozent sind Linkshänder zwar gesellschaftlich in der Unterzahl, doch längst keine »Linkischen« mehr. Die erzwungene Umschulung zur Rechtshändigkeit ist seit den 1990er-Jahren zum Glück vorbei und gilt heute juristisch gesehen als Körperverletzung.
Quelle: S&D Verlag GmbH, Geldern - leserservice.sud-verlag.de