26/05/2026
Am 25. Mai stiegen Magistrate auf den Quirinal — zum Tempel der Fortuna Publica Populi Romani Quiritium Primigenia. Die öffentliche Fortuna des Volkes der Quiriten. Ein Name, so lang, dass die meisten Römer ihn abkürzten. Lucius Valerius sprach ihn trotzdem jedes Mal in voller Länge aus. Die Götter in Rom legten Wert auf ihre vollen Namen. Der Tempel hatte eine Geschichte, die jeder Römer kannte. Gebaut nach einem Schlachtgelübde des Konsuls Publius Sempronius Tuditanus im Krieg gegen Hannibal. Das Versprechen: Wer siegt, baut Rom einen Tempel. Rom siegte. Am 25. Mai 194 v. Chr. wurde er eingeweiht. Ovid hält es in zwei schlichten Versen fest. Auch dich übergehe ich nicht, öffentliche Fortuna des mächtigen Volkes. Keine große Poesie. Aber genau diese Schlichtheit passt zur Göttin. Sie war keine geheimnisvolle Macht, kein dunkler Schatten, keine Fremdgottheit aus dem Osten. Sie war eine zutiefst römische Idee. Dass das Glück eines Volkes etwas anderes ist als das Glück eines Einzelnen. Dass ein Staat ein eigenes Schicksal hat. Dass dieses Schicksal gepflegt werden muss — durch Ritual, durch Opfer, durch Erinnerung. Wir kennen privates Glück. Lotterie, Liebe, Karriere. Aber kollektives Glück — das Glück eines ganzen Volkes, dem man Tempel baut und jährlich opfert? Der Mai endete in Rom im Hellen. Bei Sonne, bei Tempel, bei Versprechen, die Generationen überdauerten. Nach allem, was der Monat durch die Stadt geführt hatte — Geister, Puppen, Händler, Trompeten — stand am Ende ein Senator auf dem Quirinal und opferte für das Wohl aller. Pro salute populi Romani Quiritium.